12 Entwicklung von Haltungssystemen Tiergerechte Haltung

  1. Tier <-> Umwelt Wechselwirkungen in der Natur
  2. Tier <-> Umweltwechselwirkungen unter der menschlichen Obhut
  3. Sensorische und motorische Deprivation
    • Mangel an artgemässer sensorischer und motorischer Stimulation
    • ->Langfristige Auswirkungen auf Gehirn und Verhaltensentwicklung
    • Unstrukturierte, reizarme Haltungsbedingungen führen zu sensorischer und motorischer Deprivation
    •  Sensorische und motorische Deprivation beeinträchtigen die normale Gehirnentwicklung (Neurogenese, Synaptogenese, Gliogenese, etc.)
    • Dies äußert sich in Beeinträchtigungen der Informationsaufnahme und Informationsverarbeitung (Lernen, Gedächtnis, Anpassung, etc.)
    • Indirekte Auswirkungen auf das Wohlergehen

    • ->Akute Auswirkungen auf das Wohlergehen
    • Exploration ist nicht nur passive Informationsbeschaffung, sondern auch aktiver Erwerb von Verhaltenskompetenz
    • Unstrukturierte, reizarme Haltungsbedingungen führen zu einem chronischen Mangel an Gelegenheiten zu Exploration
    • Dies äußert sich je nach Tierart in Hyperaktivität (evtl. Stereotypien)
    • oder Apathie (Indikatoren für „Frustration“, „Langeweile“, „Depression“), Appetenzverhalten wird auch beeinflusst.
    • Direkte Auswirkungen auf das Wohlergehen
  4. Verhaltensrestriktion
    • Physische Einschränkung des Verhaltens
    • Erfolgreiche Anpassung: adaptive Modifikation 
    • Bsp. Schweine verbrauchen viel Zeit für die Nahrungssuche-> Futterautomat erlaubt es ihnen über eine längere Zeit Nahrung aufzunehmen.
    • Muttersauen müssen die Möglichkeit haben ein Nest vor dem Abferkeln zu bauen, Nachkommen braucht einen erwärmten und geschützter Ort zum schlafen -> verhaltensgerechte Abferkelbucht
    • => in beiden Fällen können die Tiere ihr Verhalten etwas geändert ausführen
    • Schadensträchtige Anpassungsversuche: 
    • Bsp. Pferdeartiges Aufstehen beim Rind -> Verhalten kann nicht artgemäss geführt werden. In diesem Fall führt es zur Belastung der Gelenke, die über die Zeit zu Verletzungen führen
    • Verhaltensstörungen: Umorientiertes Verhalten, Leerlaufverhalten
    • Es gibt Reize , die einen Tier zu einem Verhalten drängt. Jedoch das Tier kann dieses nicht ausführen und das Ziel nicht erreichen was zur Umorientierung oder Leerlauf  führt.

    • Bsp.  Umorientiertes Verhalten
    • Gegenseitiges Besaugen der Kälber -> kommt vor, wenn die Milch zu schnell gesaugt wird. Das Kalb ist nämlich satt aber sein Saugbedürfnis nicht erfüllt.
    • Belly nosing Ferkel -> kommt vor, wenn die Ferkeln zu früh Entwöhnt werden und sich gegenseitig dem Bauch mit der Rüssel "massagieren"
    • Federpicken Legehennen -> kommt vor allem vor, wenn die Tiere nichts am Boden zum picken haben. Daher picken sie sich gegenseitig die Federn und die Kloake



    • Bsp. Leerlaufverhalten
    • Zungenrollen Rinder-> kommt meistens vor, bei unzureichende Raufutterversorgung und verminderte Wiederkauaktivität, sowie als Ablenkung wegen einer reizarmen Umgebung


  5. Entwicklung von Haltungssysteme -> Wie wird ein Tiergerechtes Haltungssystem entwickelt? 3 Ansätze
    Umweltanreicherung (environmental enrichment)

    Reduktion und Substitution des natürlichen Habitats

    Wahlversuche
  6. Entwicklung von Haltungssysteme -> Wie wird ein Tiergerechtes Haltungssystem entwickelt? Erster Ansatz: Umweltanreicherung
    • Umweltanreicherung (environmental enrichment)
    • Environmental enrichment bezeichnet die Anreicherung der Haltung mit Objekten, deren Reize und Eigenschaften Verhalten stimulieren.
    • Bsp. Beschäftigung der Ferkeln durch Spiele
    • Fütterung von Raubtieren im Zoo durch Schalten, um den Zugang zur Nahrung zu erschweren
    • Enrichment der Labormäusekäfige durch Raumtrennung, Tunnels, Räder...
    • Refinement
    • Refinement bezeichnet die Modifikation der Tierhaltung zur Verbesserung des Wohlergehens der Tiere.
    • Durch Umweltanreicherung: Verbesserung bestehender Haltungssysteme durch Modifikation der Ausstattung
    • Voraussetzungen für einen erfolgreicher Refinement:
    • Kenntnisse über die artspezifischen Ansprüche an die Tierhaltung
    • Erfahrung mit bestehenden Haltungssystemen
    • Kenntnisse über die Ursachen von bestehenden Haltungsproblemen
    • Experimentelle Überprüfung der Verbesserungen
  7. Entwicklung von Haltungssysteme -> Wie wird ein Tiergerechtes Haltungssystem entwickelt? Zweiter Ansatz: Reduktion und Substitution des natürlichen Habitats
    • Entwicklung neuer Haltungssysteme auf der Basis des arttypischen Verhaltens im natürlichen Habitat der Tiere
    • Voraussetzungen:
    • Erfassen des arttypischen Verhaltens im natürlichen Habitat
    • (Referenzsystem)
    • Identifizieren essentieller Reize und Ressourcen im natürlichen Habitat
    • Reduktion und Substitution essentieller Reize und Ressourcen auf die wesentlichen Merk- und Wirkmale
    • Experimentelle Validierung der Substitute und des Haltungssystems
    • Substitute sind technologische Erzeugnisse (Attrappen), die auf die für normales Verhalten wichtigen Merk- und Wirkmale reduziert sind.

    Merkmal, WirkmalObjekte haben bestimmte Merkmale (Reize), auf die Tiere mit einer bestimmten Motivation ansprechen, sowie Wirkmale (Eigenschaften, Qualitäten), die das angestrebte Verhalten ermöglichen.

    • Bsp. Ruheorte für Kaninchen
    • ->unter Strauch oder Geländevorsprung, an erhöhter Stelle im Gelände, in der Nähe eines Baueingangs ->
    • Ruheorte Kaninchen: Wirkmale
    • Erhöhter Standort: Übersicht (soziale Kontrolle), Trockenheit
    • Strauch, Geländevorsprung: Deckung (Schutz, Feindvermeidung), Lichtgradient (Schatten)
    • Nähe Baueingang: Fluchtweg (Sicherheit, Feindvermeidung)
    • => Lösung Unterschlupf im Laborkäfig
    • Steuerung des Verhaltens durch räumliche Strukturierung
    • Bsp. Haussschwein
    • Soziale Organisation:
    • Geschlossener Verband mit engen Beziehungen und Rangordnung
    • Erwachsene Eber untereinander unverträglich
    • Lösung:
    • Gruppenhaltung (evtl. mit einem Eber), Stabile Gruppe

    • Fütterung
    • Allesfresser, Futtersuche während 70% der Tagesaktivität, Wühlen
    • Lösung:
    • Auslauf (od. Wühlareal), Rauhfutter

    • Raumnutzung
    • Schlafnester (bei Kälte Liegen mit Körperkontakt), Verlassen der Schlafnester zum Koten und Harnen, Abkühlung durch Suhlen im Sumpf an warmen Tagen
    • Lösung
    • eingestreuter Liegebereich, Kotbereich, Suhle (wenn Stall nicht klimatisiert)

    • Jungenaufzucht
    • Sauen entfernen sich zum Abferkeln von der Gruppe, Bildung eines Abferkelnests
    • Lösung:
    • Abgetrennte Abferkelbucht, Nestbaumaterial (Stroh), Liege- und Kotbereich

  8. Entwicklung von Haltungssysteme: Probleme in naturnahen Systemen am Bsp. der Legehennen
    Volièrenhaltung für Legehennen -> 

    • Früher Zugang zu Sitzstangen fördert das räumliche Orientierungsvermögen von Legehennen
    • Gute räumliche Orientierung ist Voraussetzung für die Anpassung an dreidimensionale Haltungssysteme (z.B. erhöhte Legenester)
    • Legehennen bevorzugen die Eiablage im geschützten Legenest
    • Beeinträchtigte Eiablage führt zu Unruhe, Aggression und im
    • Zusammenhang mit Eierverlegen zu Kannibalismus
    • Durch frühen Zugang zu Sitzstangen werden ökonomische(Eierverlegen) und Tierschutzprobleme (Kannibalismus) vermindert

    • Epidemiologische Untersuchung von Verhaltensproblemen
    • 8 Hybridlinien
    • 21 Betriebe
    • 59 Herden
    • 120‘400 Hennen

    • Inzidenz von Verhaltensproblemen
    • Eierverlegen 4.7%
    • Kannibalismus 2.7%
    • Gefiederschäden 58.0%

    Ergebnisse-> 

    • Früher Zugang zu Sitzstangen:
    • Eierverlegen um > 35% vermindert
    • Kannibalismus um > 50% vermindert

    • Mögliche Erklärungen:
    • Bessere motorische Fähigkeiten: Nest aufsuchen Attacken ausweichen
    • Bessere räumliche Orientierung: Nest finden

    • Test auf motorische Fähigkeiten und räumliche Orientierung:
    • Aufzucht mit und ohne erhöhte Sitzstangen -> Verhaltenstest -> Tiere mit Sitzstangen konnten sich besser bewegen
  9. Entwicklung von Haltungssysteme -> Wie wird ein Tiergerechtes Haltungssystem entwickelt? Dritter Ansatz: Wahlversuche
    Verbesserung bestehender oder Entwicklung neuer Haltungssysteme auf der Basis von Wahlverhalten

    • Voraussetzungen
    • Kenntnisse über das arttypische Verhalten im natürlichen Habitat
    • Experimentelle Validierung der einzelnen Komponenten und des Haltungssystems

    Bsp.Wahlversuche zur Einstreu bei Labormäusen

    • Integraler Ansatz
    • Entwicklung und Optimierung neuer Haltungssysteme durch Reduktion und Substitution des natürlichen Habitats und mittels Wahlversuchen

    • Vorgehen
    • Erfassen des arttypischen Verhaltens im natürlichen Habitat
    • (Normalverhalten)
    • Identifizieren der kritischen Reize und Ressourcen
    • Erarbeiten eines Haltungskonzepts
    • Optimieren der einzelnen Komponenten mittels Wahlversuchen
    • Prüfen des Haltungssystems anhand von Indikatoren
Author
LiaS
ID
358521
Card Set
12 Entwicklung von Haltungssystemen Tiergerechte Haltung
Description
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