Formale Genetik 2 (Empirische Genetik)

  1. Weitere Bezeichnungen von Erbgängen
    • Digen: zwei Gene beteiligt
    • Oligogen: wenige Gene beteiligt
    • Polygen: viele Gene beteiligt
    • Hauptgen: ein Gen ist für den grössten Teil der Variation des Phänotyps verantwortlich, plus polygene Restkomponente
    • nicht-genetisch: rein umweltbedingt
    • Stammbaumanalyse: Kreis= weiblich, Quadrat= männlich
  2. Autosomal-dominanter Erbgang
    • Häufigster Erbgang der aufgeklärten Erbgänge beim Menschen
    • Bei Haustieren überwiegen rezessiv-vererbte Merkmale, da Tiere mit dominanten Mutationen von Zucht ausgeschlossen werden
    • Erkrankung manifestiert sich in jeder Generation (vertikale Vererbung)
    • Ausser bei Neumutation jedes betroffene Individuum einen betroffenen Elter
    • Männliche und weibliche Tiere gleichermassen betroffen
    • Häufig Gene für strukturelle Proteine betroffen (seltener Enzyme)
    • Wenn Erkrankung selten aber nicht letal Betroffene meist heterozygot
    • normale Verpaarung: Aa×aa-> 50% der Nachkommen betroffen
  3. Haploinsuffizienz
    heterozygot betroffen-> nur ein normales Allel, Genprodukte reichen für die Gesamtfunktion nicht aus
  4. Dominant-negative Einwirkung
    Wenn das Produkt des mutierten Allels die Funktion des Produkts des normalen Allels stört
  5. Abgrenzung der Allelwirkung in dominant oder rezessiv bei Erkrankung ist aber nicht so einfach:
    • AA selten gesehen, oft nicht mit dem Leben vereinbar aber kommen vor
    • AA Individuen oft schwerer betroffen als Aa -> streng genommen anderer Phänotyp -> inkomplett-dominant (kodominant)
    • i.d.R belässt man es bei dominant wenn sich Aa klar von aa unterscheiden

    • Bsp. 
    • Brachydaktylie -> weniger Finger (Farabee)
    • Netzhautdegeneration (Progressive Retinaatropie) beim Bullmastiff (inkomplette Penetranz -> Mutation vorhanden aber manifestiert sich nicht)
    • Progressive Retinaatropie (PRA) bei Entlebucher Sennenhund -> manifestiert sich erst mit 3-6 Jahren (pseudo dominant)
  6. Autosomal-rezessiver Erbgang
    Aa gesund (träger der Mutation), aa krank

    • Erkrankung kann Generationen Überspringen (horizontale Vererbung)
    • Alle Nachkommen von zwei betroffenen Eltern sind betroffen
    • Männliche und weibliche Tiere gleichermassen betroffen
    • Eltern normalerweise nicht betroffen sondern Träger
    • In kleinen Familien kann ein Fall fälschlicherweise als sporadisch eingestuft werden (-> nicht-familiäres auftreten bei ungeklärter oder nicht-genetischer Ursache)
    • "normale Verpaarung"-> Aa×Aa-> 25% der Nachkommen betroffen
    • Geschwister eines kranken Individuum sind zu 2/3 Träger
  7. Pseudo-Dominanz
    • Bei Verpaarung zwischen einem erkrankten und einem Träger (z.B. wenn sich die Krankheit erst später im Leben manifestiert) -> 50% der Nachkommen wie bei AD
    • (ist ein Autosomal rezessiver Erbgang der phänotypisch wie ein Autosomal Dominanter Erbgang zu sein scheint)
  8. Inkomplett-dominanter Erbgang (Intermediär)
    • Ausprägung ist ein Zwischending der Homozygoten (Rot×Weiss = Rosa)
    • (Wenn heterozygote Allele vorhanden setzt sich keinem von beiden vollständig durch)
  9. Kodominant
    • Beide Merkmale der homozygoten werden ausgeprägt (Weiss×Schwarz = Schwarz-Weiss gefleckt)
    • Jeder Genotyp führt zu einem unterscheidbaren Phänotyp, oder unterscheidbarem Allelprodukt-> Genotyp kann direkt am Phänotyp abgelesen werden.
    • Aufspaltung bei Kreuzung zwei Heterozygoten (MN×MN)0 1:2:1

    • Bsp: MN-Blutgruppesystem
    • ABO-Blutgruppensystem (nur Blutgruppen A und B)
    • Allele eines genetischen Markers (Mikrosatellit)
  10. Geschlechtsgebundene Erbgänge
    Männliche Individuen sind hemizygot: nur ein X Chromosom
  11. Geschlechtsgebundene Erbgänge 
    X-Chromosomal Rezessiv
    • Erkrankung kann Generationen überspringen
    • Alle Nachkommen zweier betroffener Eltern sind betroffen
    • Trägerin = Konduktorin
    • Männliche Tiere sind häufiger betroffen
    • Keine Vater-Sohn Übertragung
    • (Töchter heterozygoter Frauen selten betroffen da Vater bekannt krank wäre)
    • "normale Verpaarung": XY × Xx

    • Bsp.
    • Progressive Retinaatrophie beim sibirischen Husky
    • Hämophilie (Bluter)
  12. Geschlechtsgebundene Erbgänge
    X-Chromosomal-dominant (selten, schwer von AD unterscheidbar)
    • Betroffene Männliche Tiere geben die Erkrankung Erkrankung an alle Töchter weiter nicht an die Söhne
    • Betroffene weibliche Tiere geben Erkrankung gleichermassen an Söhne und Töchter weiter
    • Weibliche Tiere oft häufiger betroffen, das männliche oft nicht lebensfähig
    • Betroffene männliche Tiere oft stärkere Symptome, oft nicht entwicklungsfähig

    • Bsp.
    • Vitamin D resistente Rachitis beim Mensch
    • Hereditary Nephritis beim Samoyed
  13. Geschlechtsgebundene Erbgänge
    Y-Chromosomaler Erbgang (hauptsächlich Spermienentwicklung, Fertilität)
    • Alle männlichen Nachkommen eines betroffenen Mannes sind normalerweise betroffen
    • Paternale Vererbung
    • In Zusammenhang mit männlicher Fertilität von Bedeutung
  14. Mitochondriale Vererbung
    • mtDNA:
    • Normalerweise 2-10 mtDNA Kopien pro Mitochondrium
    • Zirkuläres Molekül mit 16'569 BP
    • Hat kodierende Regionen für 13 Proteine (Zellatmung), 22tRNAs (Translation) und 2 rRNAs (Translation)
    • hat eine etwa 10fach höherer Mutationsrate als Kern-DNA
    • Maternale Vererbung (nicht nach Mendel)

    • Erkrankungen:
    • Männliche und weibliche Tiere sind betroffen
    • Zuerst Symptomen in Organen, die viel Energie verbrauchen -> Nervensystem, Skelett- /Herzmuskulatur
    • Beim Mensch ca. 1/8000

    • Bsp.
    • mitochondriale Mypathie, Neuropathie beim Golden Retriever
  15. Mitochondriale  Vererbung
    Heteroplasmie-Problematik
    • Anzahl mutierter mtDNA Moleküle kann von Zelle zu Zelle stark variieren
    • -> Erkrankung manifestiert sich, wenn ein Schwellenwert überschritten wird, d.h. wenn die Zahl er mutierten Moleküle diesen Schwellenwert in den Zellen überschreitet
    • -> Schwer vorauszusagen wie viele mutierten Mitochondrien im Erwachsenen Individuum sind
    • Stammbaum zeigt eher ein maternales Vererbungsmuster und Symptome der Erkrankung weisen auf eine verminderte Energiegewinnung der Zelle hin
    • -> Nachweis durch mtDNA-Sequenzierung
  16. Vererbung multifaktorieller Erkrankungen (komplex vererbte Erkrankungen)
    • Multifaktoriell = Polygen +Umwelt -> Prädisposition (Anfälligkeit)
    • -> Selektion gegen Erkrankung wird schwierig
    • -> Bsp. HD Gene für etwa 30% der phänotypischen Variation verantwortlich, Umwelt für etwa 70% (Fütterunsintensität der Welpen, Bewegungsintensität der Welpen)
  17. Monogene Merkmale
    • n Merkmale
    • 2n Gametensorte in F1
    • 3n Genotypen in F2
    • 2n Phänotypen in F2

    Phänotypenfrequenzen weichen von den vorhergesagten Mendel'schen  Frequenen ab
  18. Erweiterung zu den Mendel'schen Regeln für "monogene" Merkmale
    • Kopplung von Genen
    • Multiple Allele-> rare Allele (Varianten)
    • Pleiotropie
    • Letale Allel
    • Polygenie
    • Epistase
    • Umwelteinflüsse (Peristase)
  19. Erweiterung zu den Mendel'schen Regeln für "monogene" Merkmale
    Kopplung von Genen
    Genorte (Gene) die auf demselben Chromosom lokalisiert sind, sind syntänisch. Es werden Chromosomen übertragen, nicht Gene
  20. Erweiterung zu den Mendel'schen Regeln für "monogene" Merkmale
    Enge (vollständige) Kopplung der Gene
    Gene sehr Nahe auf demselben Chromosom, gekoppelte Allele können als Haplotypen bezeichnet werden

    Haplotyp: Der von der mütterlichen bzw. väterlichen Seite vererbte Komplex gekoppelter Allele auf einem Chromosomenabschnitt

    • Haplogruppe: mindestens 2 Haplotypen auf demselben Chromosom bilden eine Haplogruppe
    • Bei crossing-over muss die Häufigkeit der Gameten empirisch bestimmt werden
    • Wenn Genorte sehr weit auseinander liegen treten COs immer auf -> es kann keine Kopplung nachgewiesen werden
  21. Erweiterung zu den Mendel'schen Regeln für "monogene" Merkmale
    Multiple Allele /seltene Allele (Varianten)
    Ein normales, diploides Individuum kann immer nur zwei Allele eines Genes in einer Zelle tragen, in einer Population können aber viele Allele eines Genes vorhanden sein
  22. Erweiterung zu den Mendel'schen Regeln für "monogene" Merkmale
    rares Allel (Variante)
    • Frequenz in der Population <1%
    • Bsp
    • Bombay-Blutgruppe -> 0h
    • Sehr selten (autosomal rezessiv)
    • Gendefekt -> Rezeptor= Antigen H wird nicht gebildet
    • Blutgruppen A,B können nicht exprimiert werden (Epistasie)
    • Phänotypisch Blutgruppe 0
    • Kann nur Eigenblut oder Spenderblut 0h erhalten



  23. Erweiterung zu den Mendel'schen Regeln für "monogene" Merkmale
    Pleiotropie (Polyphänie)
    • Ein Gen steuert die Ausprägung von mehreren Merkmalen
    • Die Mutation verursacht mehrere von einander unabhängige phänotypische Merkmale

    • Bsp. Marfan Syndrom (Mensch.)
    • -> Problem in der Feinstruktur des Bindegewebes (Fibrillin Protein)
    • Merle Faktor in bestimmten Hunderassen
    • -> Verändertes Hörsinn, Augenveränderungen
  24. Erweiterung zu den Mendel'schen Regeln für "monogene" Merkmale
    Letale Allele
    • Letalfaktoren sind Allele, die den Tod eines Individuums vor Erreichen des fortpflanzungsfähigen Alters  bewirken, dominant letale Allele sehen wir normalerweise nicht ausser:
    • Late-onset Erkrankungen (Huntigton Disease)
    • Penentranz des Letalfaktors ist <100%
    • Neumutation im selben Gen

    • Bsp. Agouti-Gen: beeinflusst Fellfarbe, ist dominant
    • Unerwartetes Phänotypenverhältnis da homozygote gelbe Mäuse in utero absterben
    • Bsp. Entlebucher Stummelrute: homozygote Nachkommen sterben, Stummelrute ist dominant aber Letalfaktor rezessiv
  25. Erweiterung zu den Mendel'schen Regeln für "monogene" Merkmale
    Polygenie
    Merkmale, deren Ausprägung durch mehrere oder zahlreiche Gene gesteuert werden, wobei die Beiträge der einzelnen Gene oft nicht direkt fassbar sind

    Genorte, welche diese (Leistungs)Merkmale kontrollieren werden als sogenannte QTLs (Quantitative Trait Loci) bezeichnet + Umwelt spielt eine Rolle

    • Bsp. Milchleistung Kühe
    • Vollständig erbliche Merkmale-> Qualitative Genetik
    • Monogen
    • Wenige  und klar unterscheidbare Phänotypen
    • Hohe Erblichkeit
    • Umwelteinflüsse sind klein oder Fehlend

    • Teilweise erbliche Merkmale -> Quantitative Genetik
    • Viele Phänotypen
    • Fliessende Übergänge zwischen Phänotypen
    • Niedrige Erblichkeit
    • Umwelteinflüsse oft sehr gross

    (Möglichkeit der Abweichung von Spaltungsverhältnis 9:3:3:1 auch durch unterschiedliche Erbgänge der beiden untersuchten Merkmale (bsp. Albinismus und Blutgruppe)
  26. Erweiterung zu den Mendel'schen Regeln für "monogene" Merkmale
    Epistase
    • Interaktion zwischen Allelen unterschiedlicher Genorte
    • Zwei oder mehrere Genorte interagieren und bewirken neuartige zusätzliche Phänotypen
    • Allel(e) am ersten Genort maskiert oder modifiziert den Einfluss von Allelen an einem zweiten (oder mehreren) Genort(en)
    • => Komplex!

    • Rezessive Epistase
    •  Komplette Dominanz beider Genpaar, aber wenn ein Gen homozygot rezessiv ist, wird Phänotyp des anderen Gens unterdrückt -> Phänotyp ist von zwei Genen abhängig
    • Verhältnis Phänotyp: 9:4:3
    • Bsp:
    • Fellfarbe Maus: Agouti (AACC, AaCc, aaCc)
    • Fellfarbe Labrador: Schwarz, Blond, Braun

    • Doppelte Dominante Epistase
    • Komplette Dominanz beider Genpaare, aber wenn eines der Gene dominant ist, unterdrückt es den Einfluss des anderen Gens
    • Verhältnis 15:1
    • Image Upload 2 Image Upload 4
  27. Erweiterung zu den Mendel'schen Regeln für "monogene" Merkmale
    Umwelteinflüsse (Peristase)
    • Reaktionsnorm eines Modellorganismus
    •  Das Muster von Phänotypen die aus einem bestimmten Genotyp in unterschiedlichen Umwelten hervorgehen P=G+U
    • Bsp. Anzahl Facetten Fliegen
    • Keine allgemeingültigen Aussagen über Reaktionsnormen möglich
    • Es kann nicht zwingend vom Phänotyp auf dem Genotyp geschlossen werden
    • Reaktionsnormen sind für Modellorganismen bekannt

    • Modellorganismen:
    • Einfach zu halten und Züchten (Kosten)
    • Kurze Generationszeit, viele Nachkommen
    • Oft spezielle Linien mit speziellen genetischen Hintergrund vorhanden
    • Genom für die meisten Modellorganismen entschlüsselt

    • Phänotypische Varianz (nicht gleich Reaktionsnorm)
    • Genotypenvarianz + Umweltvarianz (Umwelt mehr oder weniger gleich)
    • Wird in der Tierzucht verwendet

    • Modifikationen
    • Nicht-erbliche Abwandlungen des Phänotyps durch Umwelteinflüsse
    • UV-Licht-> Pigmentausbildung
    • Körperliches Training
    • Höhentrainig
    • Alkoholkonsum

    • Umschlagene Modifikation (selten)
    • Die Merkmalsausbildung bei Lebewesen gleichen Genotyps schlägt übergangslos um.
    • z.B. Russenkaninchen
    • Akromelanismus -> Kältere Hautstellen (extreme Körperstellen) Enzym aktiv -> schwarzes Pigment

    • Fliessende Modifikation (die Regel)
    • Bsp Grössenverteilung von Pantoffeltierchen
    • Modifikation und Mutation durch Kreuzversuche unterscheidbar
Author
LiaS
ID
358220
Card Set
Formale Genetik 2 (Empirische Genetik)
Description
Updated