HS Sp

  1. Unterteilung "Geschlecht"
    • Sexus (biologisches Geschlecht)
    • Gender (soziales Geschlecht)
    • Genus (grammatisches Geschlecht)
  2. Etymologie des Wortes ”Geschlecht“
    • abgeleitet vom Verb schlagen im Sinne von ’nach jmd. geraten‘ (vgl. nach jemandem schlagen, aus der Art schlagen) 
    • ahd. Zirkumfix gi-...-i sorgt fu ̈r Kollektivbildung gislahti ursprüngliche Bedeutung
    • ’Verwandtschaftsgemeinschaft‘
    • heutige Bedeutung ’biologisches Geschlecht‘ gibt es erst seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert
  3. Sexus (Biologisches Geschlecht)
    • von den Genitalien bzw. äußeren Merkmalen abgeleitete Zuordnung zu einer Klasse
    • Seit dem 22.12.2018 gibt es im Personenstandsregister neben ”weiblich“ und ”männlich“ die Angabe ”divers“ als Variante für eine nichtbinäre Geschlechtsidentita ̈
  4. Gender (soziales Geschlecht)
    • alle an die biologische Geschlechtsbestimmung anschließenden vielfältigen Praktiken der sozialen Geschlechtsdarstellung
    • kulturell und historisch variable Ausprägungen wie Kleidung, Schmuck, Konsum, Betätigung, Verhalten und Sprechen
    • prinzipiell keinerlei sachliche und logische Beziehung zum Sexus
    • Ausprägung von Geburt an aber so leidenschaftlich betrieben, dass sie quasi für 'angeboren' gehalten werden
  5. Genus (grammatisches Geschlecht)
    • jedem Substantiv inhärentes Merkmal, das die Wortbedeutung nicht beeinflusst
    • wird ausschließlich am Artikelwort sichtbar
    • bei manchen Substantiven besteht ein Zusammenhang zwischen Sexus und Genus (Personenbezeichnungen)
    • primäre Aufgabe: Herstellung von Kongruenz mit Artikeln, Pronomen und Adjektiven
  6. Inszenierung von Geschlecht
    • Wechselseitige Induzierung ("doing gender")
    • Einschlägige Studien 
    • Neutralisierung ("undoing gender")
  7. Wechselseitige Induzierung ("doing gender")
    • biologischen Gegebenheiten bedingen eine vorgeprägte soziale Typisierung
    • typisierung wurde im Laufe der Geschichte spezifisch ausgeprägt, d.h. ausgebaut, unterstrichen und relevantgesetzt
    • kind wird dort hineingeboren
    • Erwachsene tragen das System der sozialen Geschlechterrolle an das Kind heran 
    • Individuum produziert Geschlechterrolle aktiv selbst mit
    • Geschlecht wird als soziale Konstruktion verstanden, das auf Merkmalen von Situation und nicht von Personen aufbaut
    • "doing gender is unavoidable"
  8. Goffman (1977/1979)
    • Erforschung der Verhaltenssymbolik der Geschlechter
    • zentraler Orientierungspunkt: Mittelschichts-Idealversion des Eltern-Kind-Komplexes
    • hilfloses Kind vs beschützende Erwachsene
    • Männlichkeitsrituale: Elternstatus
    • Weiblichkeitsrituale: Kindstatus
    • Bewegungsinstabilität des Kindes - weibliche Kleidung ritualisiert Instabilität (Stöckelschuhe)
    • Belehrungen und Erfahrungvorsprung der Eltern - weibliche Berufe erklären selten die Welt
    • ungehemmte Emotionalität des Kindes - starke Gefühlsbewegungen gelten als typisch weiblich
    • Verteidigung der Sicherheit durch die Eltern - Frauen bewaffnen sich selten in Gefahrensituationen
    • institutionelle Reflexivität: Das soziale Geschlecht wird so institutionalisiert, dass es genau die Merkmale des Weiblichen und Männlichen entwickelt, die angeblich die unterschiedliche Institutionalisierung begründen (Paradox!)
    • körperliche Unterschiede spielen für die heutige Alltagsbewältigung kaum eine Rolle
    • Warum werden dann diese Unterschiede sozial derart bedeutsam?
  9. Neutralisierung ("undoing gender")
    • In bestimmten Bereichen gibt es eine historisch gewachsene Relevanz der sozialen Geschlechterrolle. z.B. Beruf, Alltagskleidung, Kindererziehung
    • Neutralisierung der Geschlechterrolle (”undoing gender“) bedeutet, diese Relevanz graduell herunterzufahren. z.B. Frauenquote bei bestimmten männerdominierten Berufen; z.B. Unisex-Sportschuhe oder -kleidung; z.B. Elternzeit auch für Väter
    • Konzept als Kritik am ”Doing-Gender“-Ansatz: Inszenierung von Geschlecht ist nicht unvermeidlich; Individuen ko ̈nnen Geschlechterrolle auch ”vergessen“
  10. Was ist Pejorisierung?
    • Bedeutungsverschlechterung
    • These: erfolgt bei Frauenbezeichnungen aus männlicher Perspektive
    • 3 Pfade:
    • • Soziale und moralische Degradierung (z.B. Weib, Frau, Fräulein)
    • • Funktionalisierung (z.B. Magd, Mamsell)
    • • Sexualisierung / Biologisierung (z.B. Dirne)
    • Insgesamt: oft mehrere Pfade an Pejorisierung beteiligt
  11. Etymologie von Frauen- und Männerbezeichnungen
    • Frau: ahd. frouwa→Ableitung von ahd. frō ,Mann‘ < lat. pro
    • Weib: ahd. wīb
    • Mann: ahd. man ,Mann‘, ,Mensch‘ < indoeurop. *men(ə) + lat. mens, mentis
    • Herr: ahd. hēr(i)ro < Komparativ zu ahd. hēr ,alt,ehrwürdig‘
    • Insgesamt: Frauenbezeichnungen setzen Frau v.a. in Relation zum Mann Männerbezeichnungen drücken v.a. Sozialstatus aus
  12. Geschlechter in Schimpf- und Sprichwörtern
    • Funktion: Be-und Verurteilung, Disziplinierung
    • Frauen: zu hohes Alter, Geschwätzigkeit, Klatsch- und Streitsucht,Liederlichkeit, sex. Freizügigkeit/Selbstbestimmung
    • Männer: Homosexualität, Schwäche und Feigheit, sexuelle Zudringlichkeit
    • Funktion: allgemeine Lebensweisheit/Erwartungshaltung ausdrücken
    • Frauen: meist negativ bewertet, Ausnahme: Mutterschaft
    • Männer: überwiegend positiv
  13. Geschlechter im Wortschatz
    • Ursprung heutiger Simplizia: u.a.Wortbildungen
    • Kopplung von Geschlecht an Kategorien: Alter, Familienstand (ø), Elternschaft, soziale Klasse
    • Wortprofil-Analyse zu Mann, Frau, Dame, Herr:
    • • Adjektive zu Frau: schön, blond, nackt, geschieden, verheiratet, hübsch, zierlich
    • • Adjektive zu Mann: bewaffnet, klein, mächtigste, reichste, richtig, stark • Verben zu Dame: stöckeln, erscheinen, plaudern, seufzen
    • • Verben zu Herr: behaupten, denken, sagen, meinen
    • • Aber: Wandel
  14. Asymmetrie der Geschlechterbezeichnungen
    • mhd. junc-herre „Edelknabe“ – junc-vrouwe „Edelfräulein“
    • nhd. Junker „Vertreter aus Adelsstand“ vs. Jungfer „ältere, prüde, zimperliche, unverheirat gebliebene Frau“
    • Jungfer (fast immer zusammen mit Adjektiv „alt“): doppelte negative Biologisierung
    • Männerbezeichnungen in Bezug zur Welt/Gesellschaft/Götternkonzipiert → nie biologisiert
    • Referenzpunkt von Frauen = Mann, Kinder, Familie→aus Männersicht evaluiert
  15. Weitere Beispiele für Asymmetrie
    • wenn soziales Geschlecht Rolle spielt = Pejorisierung
    • Geliebte = Pendant zu Geliebter/Liebhaber, Liebhaber ≠ Liebhaberin (klassischer Musik) → untersch. Konzeption Sexualität (aktiv vs. passiv)
    • untersch. semant. Geschlechterrollen: Vater = Verfügungsgewalt über Frauen/Kinder, Beschützer (Kirchen-, Stadt-, Landesvater), aber: väterlich (*bevatern) andere Bedeutung als mütterlich (bemuttern)
    • weibl. Verwandtschaftsbeziehungen öfter Bildspender für metaphor. Komposita: Mutter als Hervorbringende, Schwester als Ähnliche, Tochter als Zugehörige
  16. Symmetrie der Geschlechterbeziehungen
    • Symmetrie erhalten, wenn soziales Geschlecht ausgeklammert: Herrchen – Frauchen, Männchen – Weibchen
    • Anrede Frau ... /Herr ...→keine Geschlechterdifferenz
  17. Das Galanteriegebot nach Keller
    • semant. Abwertung der Frau eigentlich auf ihre Aufwertung zurückzuführen
    • Galanteriegebot auch beim Sprechen über Frauen: „greife im Zweifel bei deiner Wortwahl lieber eine Etage zu hoch als zu niedrig“
    • Alma Graham (1975): praise her statt blame her
    • Effekt: nächsthöheres Wort wird zum unmarkierten Normalausdruck + lexikalisch- semant. Veränderung (ehemals normales Wort pejorisiert)
  18. Kritik an Kellers Theorie
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    • mit Keller erklärbar: Anrede Herr .../Frau ... (Inflation von Respektbekundungen als beidseitiger/geschlechtsindifferenter Prozess)
    • Funktionalisierung/Biologisierung/Sexualisierung durch Keller/schlichte Abnutzung nicht erklärbar, da Zugewinn an Semen statt Verlust
    • falsches ahistorisch-asymmetrisches Galanteriekonzept: auch Frauen werten Männer sprachlich auf, aber: keine Pejorisierung der Männerbezeichnungen
    • auch in galanterielosen Kulturen Frauenbezeichnungen pejorisiert
    • Galanteriegebot nur in privilegierten höfischen Schichten, von Masse der Bevölkerung nicht praktiziert: Dermaßen starke Auswirkung überhaupt möglich
    • semant. asymmetr. Entwick. mancher Berufsbezeich. spiegeln weibl. Referenzpunkte/berufl. Spielraum: Sekretärin/Gouvernante
    • auch Friseurin/Masseurin (nicht motivierte Formen als einfache/sexualisierende Dienstleistungen pejorisiert)→sprachl. Aufwertung kann hierfür kaum Ursache sein, Erklärung muss sämtliche pejorisierte Frauenbezeichnungen miteinbeziehen
    • Keller setzt voraus, dass vorrangig männl. Sprachgebrauch/Sicht auf die Frau sich durchgesetzt → mögl. Erklärung hierfür: größere/r Radius/Verbreitung als weibl. Sprechen (Schulz 1975)
    • Nüblings Fazit: Pejorisierung als Abbild des geringen Status der Frau in der Gesellschaft
    • reflektiert niedrige gesellschaftl. Stellung/Wertschätzung → Spiegel der Kultur
  19. Historisches Sprechen über Frauen
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    Die Analyse von historischen Wörterbüchern liefert einen weiteren Beleg für die Pejorisierung von Frauenbezeichnungen
  20. Doing Gender in Wörterbüchern und Linguistik
    • Analyse durch Luise Pusch (1983) von Beispielsätzen zum Buchstaben A eines einsprachigen Wörterbuchs von 1970:
    • Von insgesamt 1100 Personennennungen entfallen 920 (84%) auf Männer und 180 (16%) auf Frauen
    • In Beispielsätzen mit Frauenbezug geht es meistens um die Themen Haus, Familie und Kinder
    • Beispielsatz für einen Lemma Eintrag Frau und Mann: Er braust mit Vollgas ab - Sie braust die Kinder in der Wanne ab.
    • Berücksichtigung der Kritik von Pusch in der dritten Auflage des Wörterbuchs (2002) durch:
    • Sexus Abstraktion, sie pflegte ihn aufopfernd → die Eltern opfern sich für Ihre Kinder auf
    • Infinitiv Konstruktionen, sie hat den Teig ausgerollt → den Teig ausrollen
    • Seltene Spiegelungen von Sexismen, Sie hat sich einen reichen Mann geangelt → Er will sich eine reiche Witwe angeln



    →Wörterbücher bedienen sich auch um die Jahrtausendwende weiterhin starker Stereotypisierung, veraltete Einträge werden nicht ausgemistet und ein konstruiertes Geschlechtsbild mit überzogenen Klischees bleibt bestehen
  21. Weitere Beispiele von doing gender in der Linguistik
    • Beispielsätze in Lehrbüchern mit abenteuerlicher und individualisierter Männerwelt und trister stereotypisierter Frauenwelt
    • Markierung weiblicher Linguistinnen durch Sprache
    • „Hypercorrection“ als Abweichung von der Norm
  22. DISTANZIERTE (SIEZ-) VERHÄLTNISSE
    • Bei Personen, die im Alltag geduzt werden, nutzt man dat/ et. Bei allen anderen Personen die/sie
    • dass je mehr man einem Menschen vertraut und je näher man sich steht , desto mehr nutzt man das berühmte es/das
  23. Ansehen
    • Je angesehener die Frau, desto seltener wird es verwendet
    • Frauen mit einem gewissen gesellschaftlichen Stand werden mit sie bezeichnet: die Mutter, die Oma, die Lehrerin, die Muttergottes, eine Schauspielerin usw
    • Die/sie: [. . . ] übergeordnete Personen im Berufsleben (bei Letzterem kommt es aber auch nochmal auf das Verhältnis zur Person an). [...] somit kann es z.B. sein, dass ich mit dieser Person dann auch gleichzeitig befreundet bin und sie doch es Anna nenne
  24. GEOGRAPHISCHE NÄHE
    • tendendenziell würde ich Frauen aus dem eigenen oder aus Nachbardörfern mit et beschreiben, Frauen aus dem städtischen Bereich eher mit sie
    • Vor allem Frauen aus dem Dorf und dialektsprechende Frauen
  25. Das Anna und ihr Hund
    • Fragen zu Geschlecht, Alter und Dialektgebrauch, Ankreuz- und Übersetzungsaufgaben, Beziehung zwischen SprecherIn („S“) und Referenten („R“)
    • Erkenntnisse: Soziale Beziehungen zwischen S und R relevant für Genusbezeichnungen; Neutrum wird durch Nähe, Femininum durch Distanz gesteuert
    • Relevante Faktoren: Beziehung, Distanz, Ansehen, Verwandtschaftsverhältnis, geographische Nähe, Gesprächskontext, Anerkennung
  26. Genus als sozialer Platzanzeiger
    • Neutrum für Mädchen, Femininum für Frauen
    • Neutrum als „Nach-unten“-Sprechen, aber auch Wertschätzung für rollenkonformes Verhalten
    • Genuszuweisung orientiert an Stand und Status
  27. Das Neutrum
    • Enthält mit Abstand die wenigsten Personenbezeichnungen und Animata:
    • 69% maskulin, 16% feminin, 9% neutral
    • Klares Agentivitätsgefälle belebter Maskulina > Feminina > Neutra
    • Art „sächliches“ Genus
    • Assoziation mit Belebtheit: Bezeichnung von Jungmenschen bzw.
    • Jungtieren im oberen Belebtheitsbereich
    • Diminutiva -> Affinität zu jungen Lebewesen vor der Geschlechtsreife?
  28. Entpersonalisierung und Entsexualisierung
    • Betrifft auch neutrale Frauenbezeichnungen
    • Das Femininum steht für Frauen, die sozial unabhängig und anerkannt sind, sexuell erfahren (verheiratet), die eher städtisch leben etc.
    • Das Neutrum steht für Frauen, die sexuell entweder unerfahren und unverheiratet, naiv, leicht zugänglich, sozial abhängig und eher dörflich leben – oder für die “alte aufsässige Hässliche jenseits der Gebärfähigkeit, die ihrer Attraktivität verlustig gegangen ist“
    • Referenz auf Belebtes -> Asexus mit intendierter, starker Pejoration
  29. Das Neutrum in Rufnamen und Familiennamen
    Rufnamen
    • Die Neutra können allerdings den Normalfall darstellen und müssen (heute) keinesfalls negativ wirken; eher sogar positiv, vertraut und normal
    • Auch Frauen stellen sich im Neutrum vor
    • „Neutrales Genus ist nicht a priori negativ“;
    • keine Wertungskonnotierung
    • In Dialekten mit fest etablierten Neutra fällt das Femininum ins Negative
  30. Familiennamen
    • Unüblich im Deutschen, Familiennamen ins Neutrum zu setzen
    • Allerdings gibt es auch Fälle, in denen der Entzug des Femininums zur Degradierung verwendet wird
  31. Luxemburgisch
    • Drei-Genus-Sprache
    • Vielzahl an Neutra bei Frauenbezeichnungen und Frauenrufnamen
    • Appellativa: Meedchen (n.), Jefferchen (n.), Fra (f.), Madam (f.), Framënsch (n.)
    • Weibliche Rufnamen sind Neutra
    • Wird nur der Familienname verwendet, ist der Name feminin
    • Kombination aus Ruf-/Familienname: Konfliktfall 
    • Das Femininum wird verwendet, wenn es sich um soziale Distanz, Respekt und die Siez-Relation handelt
    • Das Neutrum gilt als vertraut-familiär und sympathisch
    • Erscheint ein Titel (z.B. „Gewinnerin“, „Frau“), wird der Name „verweiblicht“
    • Neutrale Rufnamen für weibliche Haus- und Nutztiere
    • Das Genus ist fest an bestimmte Namenstypen gebunden
    • Die pragmatische Funktion wird nur dann ausgedrückt, wenn Ruf- und Familienname kombiniert werden
    • Das Pronomen hat als spezielle Form der Pronominalisierung weiblicher Rufnamen
  32. Schwedisch, Dänisch, Färöisch
    • Schwedisch, Dänisch und Norwegisch: Neutrum und Utrum
    • Färöisch: drei Genera
    • Im Schwedischen werden neutrale Personenbezeichnungen nur in Ausnahmefällen verwendet
    • Im Dänischen stärkere Gleichschaltung von Sexus und Genus als im Schwedischen
    • Neutrum wird als Abwertung angesehen
    • Für das Färöische Genusstudie von Peterson (2009): deskriptive Auswertung eines färöischen Wörterbuches
    • Ergebnisse: z.B. „Downgraded females = n.”,
    • Beleidigungen/Schimpfwörter im Neutrum, junge Animata oft im Neutrum
  33. Friesisch
    • Im Westfriesischen zwei Genera: Neutrum und Utrum
    • Viele Rufnamen diminuiert, werden jedoch nie neutralisiert und Pronominalisierung erfolgt sexuskongruent mit „sie“ bzw. „er“
    • Neutra finden sich in appellativen Bezeichnungen von Frauen
    • Wechsel zwischen Utrum und Neutrum zur Pejorisierung verwendet (nicht nur auf Frauen beschränkt)
    • Im Ostfriesischen alle drei Genera
    • Keine neutralen Frauen- oder Männernamen
    • Diminuierte Namen feminin bzw. maskulin
    • Bezeichnung von Frauen entspricht jedoch Lexemen im Neutrum, z.B. dät Wieuw (n.) ‚Weib‘
    • Im Nordfriesischen Unterscheidung zwischen Festlandfriesisch (drei Genera) und Inselnordfriesisch (zwei Genera)
    • Festlandfriesisch: Personenbezeichnungen im Neutrum, wenn Minderwertigkeit und Geringschätzung ausgedrückt werden soll
    • Inselnordfriesisch: zwei Genera: Maskulinum und Neutrum, Femininum in Neutrum übergegangen
    • (nicht-diminuierte) Frauennamen als auch Frauenbezeichnungen im Neutrum -> pejorativ
    • Männernamen sind stets maskulin
    • Kleine Restdomäne des Femininums für ältere, wertgeschätzte Frauen
  34. PERSONENBEZEICHNUNGEN IM NEUTRUM: HERR – FRAU – FRÄULEIN
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  35. Prinzip des „natürlichsten Geschlechts“
    • Substantive, die Frauen und Mädchen bezeichnen, sind feminin
    • Substantive, die Männer und Frauen bezeichnen, sind maskulin
    • wenige Ausnahmen
  36. Generizität des Maskulinums bei Personenbezeichnungen
    • Weibliche Wesen seien in maskulinen Personenreferenzen mitgemeint, umgekehrt gehe das nicht
    • Frauen werden eher mitgedacht, wenn in syntaktisch- semantischer Struktur die Information vorhanden ist, dass neben Männern auch auf Frauen Bezug genommen wird
  37. Asymmetrie bei Personenbezeichnungen
    • Personenbezeichnungen im Deutschen hauptsächlich durch Movierungen von maskulinen Formen abgeleitet, idR durch in Bsp: Schneider/ Schneiderin
    • Bei femininem Ausgangswort bei Berufsbezeichnungen, wird die maskuline Form oftmals nicht davon abgeleitet, oder rückgebildet, sondern eine neue Form eingeführt Bsp: Hebamme/ Entbindungspfleger-in
    • Bei „unattraktiven“ Frauenberufen fehlt das generische Maskulinum Bsp: Putzfrau, Haushälterin
    • Fehlende maskuline Entsprechung für die Unterscheidung: Frau/ Fräulein, daher schwindender Gebrauch
    • Bei durchgängig maskuliner Personenreferenz werden Frauen kaum mit der Referenz assoziiert Bsp: Bei einem Text über Römer, wird nicht an Römerinnen gedacht
    • Oder: Bei Frage nach dem „Lieblingssportler“ wird idR nicht an Sportlerinnen gedacht
  38. Das Situationsmodell
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  39. Strategien der Feminisierung und Neutralisierung
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  40. Personenreferenz in verschiedenen Sprachen
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  41. Personenreferenz in Texten
    • Problematik von Doppelnennungen in Texten
    • Bsp: Lehrinnen und Lehrer gehen mit Schülerinnen und Schülern achtungsvoll um oder (häufig im englischen Sprachraum vorzufinden):

    Die Rektorin oder der Rektor wird von einer rechtsberatenden Person unterstützt. Sie oder er wird von der Rektorin bzw. vom Rektor im Benehmen mit dem Senat berufen; Sie oder er muss Mitglied der Rechtswissenschaftlichen Fakultät sein und führt die Bezeichnung Rechtsberaterin bzw. Rechtsberater der Rektorin bzw. des Rektors.
  42. Neue Schreibpolitiken
    • Seit den letzten Jahren sind neue Schreibungen hinzugetreten: Unterstrich: Politiker_innen
    • Sternchen: Politiker*innen
    • Zweck: Einbezug von „trans gender“ sowie Hinweis darauf.

    • Kritik:
    • Fehlende linguistische Haltbarkeit, da graphische Sonderzeichen keine Repräsentation leisten und nicht als Zeichen für Personenreferenz transparent sind.
    • Unklare Steuerung der Kognition (Prototypen, die wir uns bei der Referenz vorstellen gehen von der alltäglichen Lebenswelt aus und nicht von Sonderzeichen)
  43. Prototypen
    • Bei der Referenz auf einen Gegenstand stellen wir uns den besten Vertreter, das beste Beispiel oder das zentrale Element einer Kategorie vor
    • Bsp: Vogel -> Eher Spatzen und Amseln als Straußen oder Pinguine - Mentale Repräsentation ist kulturbedingt
  44. Repräsentation von Personen
    • Mentale Repräsentation der Personenreferenz basiert auf konkreten Menschenbildern aus der vertrauten Umgebung
    • Bsp.: Landwirt
    • -> Vorstellung: ältere/mittelalte ländlich lebende Männer mit Gummistiefeln
    • Sonderzeichen ändern diese mentale Repräsentation nicht, da sie erfahrungsbasiert bleibt
    • Informationsgehalt eines Sonderzeichens reicht nicht aus, um auf die mentale Repräsentation maßgebenden Einfluss zu nehmen
  45. Sprachliche Register und Identitätszeichen
    • Semiotische Aufladung eines Zeichens kann erst durch Schreibpraxis und darauf bezogene Erläuterungsdiskurse hergestellt werden
    • Aufgeladene Zeichen werden zum Index von Rekreationen spezifischer Diskursgemeinschaften
    • Einzelne Gruppen identifizieren sich durch Äußerungspraxen
    • Äußerungspraxen sagen etwas über den Verwender aus:
    • Bsp: Verwendung des Binnen-I drückt Bemühen um eine gendergerechte Sprache aus
    • Aufgeladene Sonderzeichen sind an Hintergrundinformationen gebunden, da sie über keinen eigenen Informationsgehalt verfügen
    • Bsp: Schrägstrich sollte eigentlich „queere“ Menschen implementieren, wird aber ohne Hintergrundinformation nicht so verstanden
    • Sprachpolitik grenzt sich von früheren feministischen Sprachpolitiken ab, da bei ihnen keine Beteiligung nicht verorteter Personen stattfand
  46. Lann Horscheidt
    • Vorschlag: Alle Morpheme, die eine personale/männliche/weibliche Derivation ausdrücken sollen durch ein x ersetzt werden
    • Bsp: „Liebx Professx“
    • Kritik: Sprachwahrnehmung verlaufe nicht morphologisch, sondern ganzheitlich
  47. Walter Krämer
    • These: Überschätzte Wirkung von Sprache. Wenn sich in 50 Jahren niemand mehr etwas dabei denkt, dass Staatsoberhäupter, Generalsekretäre usw. Frauen sind, dann liegt es an den Personen und nicht der Sprache. Generisches Maskulinum reiche also aus
    • Kritik: Mangelnde Berücksichtigung psycholinguistischer und psychologischer Experimente
  48. Luise Pusch (1980)
    • Vorschlag: Verwendung des Neutrum zur unspezifischen Referenz
    • z.B. das Pilot ; wenn nur Männer: der Piloterich, die Ente/ der Enterich
    • Kritik: Fehlender Usus. Akzeptanz und Verwendung nur durch einzelne Gemeinschaften
  49. Standpunkt Kotthoffs: Orthographie
    • Ausgangspunkt für geschlechtergerechte Sprache sollen ganze Texte sein, nicht einzelne Sätze
    • Textgestaltung, bei der die Referenz im Laufe des Textes auf nichtmännliche Personen abgesichert wird
    • Vom generischen Maskulinum sei weiterhin abzusehen
    • Vielfältige Möglichkeiten geschlechtergerechter Sprache sind möglich, semantisches Aufladen von Sonderzeichen funktioniert jedoch nicht
    • Junge Frauen neigen immer weniger dazu, das generische Maskulinum zu durchbrechen. Diesem Umstand könnte ein zu weites Ausschweifen der Anfangsdebatte zugrunde liegen
  50. Karin Wetschanow
    • 1980er erste Richtlinien für einen „nicht sexistischen Sprachgebrauch“
    • Second wave feminism
    • Zunächst: sprachliche Gleichbehandlung „beider Geschlechter“
    • Third wave feminism Kritik an der Kategorie „Geschlechter“
  51. Feministische Linguistik goes Gender Mainstreaming
    • Feministische Sprachpolitik wird durch rechtliche Festschreibung von Gleichbehandlung immer wichtiger
    • Viele öffentliche Einrichtungen bekommen Stabstellen für Gleichberechtigungspolitik
    • Große Anzahl an Richtlinien zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch an Hochschulen
    • Richtlinien werden von Beschäftigten in Gender-Mainstreaming- Abteilungen verfasst
    • Uni Wien (2009): „Gender Gap“ und „Sternchen“ als Möglichkeitgegen bipolare Geschlechteraufteilung
    • Sprachliche Gleichbehandlung immer mehr die Aufgabe von institutionalisierten Gleichstellungsexpert*innen
  52. Von nicht-sexistischem Sprachgebrauch zu fairen W_ortungen
    • Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs nicht-sexistischem Sprachgebrauch
    • Kategorie Geschlecht als biologische Kategorie (=sex) gedacht
    • 1990er geschlechtsneutraler Sprachgebrauch
    • 1997 geschlechtergerechter Sprachgebrauch
    • Horst Fröhlich(2011): generisches Maskulinum
    • Begriffe: gender, gendergerecht, genderfair und gendersensibel
    • Verein EfEU: „eine Literaturliste genderfairer Sprache
    • Universität Graz(2011): „Leitfaden zum Gendergerechten Formulieren“
    • Portal „Erwachsenenbildung.at (2014) von Abdul-Hussein:„Überblick über eine gendersensible Sprache“
    • nicht mehr die „Sichtbarkeit von Frauen“ angestrebt, sondern die Sichtbarkeit der „realen Vielfalt von Geschlechtsidentitäten“
  53. „Fair in Wort und Bild“ Broschüre
    • Forderung nach konkreten Richtlinien, Unzufriedenheit mit den bestehenden Richtlinien
    • Es gibt ein Bestreben nach Einheitlichkeit eingesetzter Strategien innerhalb einer Institution.
    • Es gibt Bedarf nach leitenden, absichernden Regelungen seitens der Verwaltung.
    • Es gibt unterschiedliche Schreibpraxen in unterschiedlichen Abteilungen, die von individuellen Vorlieben der Leitung und vom Entstehungskontext geprägt sind, auf die Rücksicht genommen wird.
    • Der Unterstrich ist im universitären Alltag vertreten.
    • Beispiele und Themen sollen dem Kontext der Institution entsprechen.
    • Richtlinien sollen witzig und verständlich geschrieben sein.
    • Tipps für relevante andere Sprachen und für eine diskriminierungsfreie Bildsprache sind notwendige Erweiterungen.
    • Richtlinien zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch sind ein Teil der Corporate Identity einer Universität.
    • Argumente für und gegen geschlechtergerechte, faire Sprache
    • Die Sprache werde verunstaltet und die Lesbarkeit leide.
    • Frauen seien im generischen Maskulinum mitgemeint.
    • Sprache konstruiert Wirklichkeit.
    • Es gebe wichtigere Probleme
    • Eigene Position
    • Sichtbarkeit der zwei Geschlechter
    • Dekonstruktion der Zweigeschlechtlichkeit
    • geschlechtsneutrale Formulierungen
    • Tipps zur Anwendung geschlechtergerechter Sprache
    • Abschließende Checkliste
    • „Sichtbarmachung“ und „Neutralisierung“ als leitende Prinzipien
    • Überschrift „geschlechtergerechte Sprache“ = Sprachpolitik der 1990er
    • „Identifikationsangeboten für Frauen und Männer“ und vombrechen von stereotypen Geschlechterdarstellungen in Abbildungen
    • Die Kluft („gap“) wird sichtbar gemacht: MitarbeiterInnen wird Mitarbeiter_innen
    • 2015 Broschüre „Was tun? Sprachhandeln – aber wie? W_Ortungen statt Tatenlosigkeiten!“
    • alternativen Pronomen: das Personalpronomen „x“ und das Fragepronomen „wex?“
    • „Bei Frauen ODER Männern: Geschlechterspezifische Endungen“ ABER: „Autorin“ oder als „Autro_in?“
  54. Gesprächsstile
    • autoritär
    • dominant
    • kooperativ

    -> Frauen benutzen eher den kooperativen Gesprächsstil
  55. Themenkontrolle und Gesprächsarbeit
    • Grundlegende These: männlicher Themenkontrolle und weiblicher Gesprächsarbeit
    • In einigen Gesprächen können Frauen dominanter sein, normalerweise, wenn sie in einer Gesprächsgruppe die Mehrheit bilden.
    • Analysekategorien: Unterbrechungen, Minimalreaktion u.a.
    • Fragenstellungen:
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  56. Analysekriterien zur These der Gesprächskontrolle
    • Mittel, mit denen die Themen des Gespräches gesteuert oder kontrolliert.
    • Um ein Thema oder einen Sprecher(innen) zu wechseln
    • Je nach der Situation unter dem Aspekt der Kooperation oder Unterstützung
    • Unterbrechungen und Unterbrechungsversuche
    • verzögerte oder ausbleibende Minimalreaktionen
    • Redezeit, Anzahl und Dauer der Redebeiträge
    • Steuerung des Gesprächsthemas
  57. Unterbrechungen und Unterbrechungsversuche
    • früher: kompetitiver Eingriff in das Rederecht von anderen als Zeichen von Machtausübung
    • Unterschied in Unterbrechung & Überlappung: Überlappung: Äußerung, deren Ende bereits syntaktisch, semantisch und prosodisch angebahnt ist, wird vom nächsten Sprecher überlappt
    • Unterbrechung als Machtstrategie? Nein! Unterbrechung als Signal von hoher Involviertheit od als unterschiedliche kulturelle Eigenschaft
    • sehr viele Untersuchungen, da Ärzte ihre Patienten häufig unterbrechen (etwa Doppelt so oft wie umgekehrt) -> Dies wird dem hohen Zeitdruck der Medizinierinnen zugesprochen
  58. verzögerte oder ausbleibende Minimalreaktionen
    • (minimal responses) sind Äußerung der Hörerin oder des Hörers wie ,,ja”, ,,mhm”, ,,hmm” in einem Gespräch
    • Ein Zeichen, dass die Hörerin oder der Hörers aktiv aufpasst und nicht nur versteht, sondern daran teilnimmt
    • Sie haben zwei Funktionen: unterstützend sein(Minimalbestätigung) und Themenkontrolle
    • Wenn eine Minimalreaktion verzögert ist oder ausbleibt, zeigt dies als Desinteresse und ist ein Zeichen dafür, dass die Sprecherin oder der Sprecher ihren oder seinen Redebeitrag beendet
  59. Steuerung des Gesprächsthemas
    • Auch die Betrachtung der thematischen Ebene vom Gespräch soll Anschluss darüber geben, wie Macht in Gesprächen funktioniert.
    • Themeneinführung und Gesprächsthema
    • Wer führt neue Themen ein? Frauen>Männer
    • Wessen Thema wird zum Gesprächsthema? Männer >Frauen
    • Themenwechsel: Missachtung der thematischen Ausrichtung vorangegangener Redebeiträge / Fokusveränderung
  60. Missachtung der thematischen Ausrichtung vorangegangener Redebeiträge
    Jemand missachtet die so vorgegebenen Möglichkeiten des aktuellen Redebeitrags, indem sie oder er Beispielsweise nicht abwartet, was der Vorredner oder die Vorrednerin sagen will, und setzt mit seinem oder ihrem Redebeitrag ein
  61. Fokusveränderung
    • Die thematische Ausrichtung des vorangegangenen Beitrags scheinbar beachtet, tatsächlich jedoch die interne Bedeutungsstruktur verändert
    • Es wird der Anschein erweckt, als werde über das gleiche geredet, indem dieselben oder semantische ähnliche Wörter aufgenommen werden.
  62. Weibliche Gesprächsarbeit
    • Herstellen von Bezügen
    • Minimalbestätigung
    • Fragen
  63. Das Herstellen von Bezügen
    • Das Analysekriterium der Bezüge dafür verwendet, die Annahme der weiblichen Gesprächsarbeit und der Kooperationsbereitschaft von Frauen zu überprüfen.
    • Die Bezüge werden inhaltlich herstellt-hierbei ist der thematische Brennpunkt in den Mittelpunkt des Interesses gerückt- oder liegen auf grammatische Ebene.
  64. Inhaltliche Bezüge
    • Mit einer Äußerung ein Bezug herstellt wird, wenn der thematische Brennpunkt eines vorangegangenen Redebeitrags, der Fokus, im folgenden Redebeitrag direkt oder indirekt thematisiert wird.
    • Beispiel: 
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  65. Bezüge auf der Ebene der Syntax
    • Gräßel(1991) untersuchte verschiedene grammatische Bezugnahmen, für die sie Kohäsion verwendete
    • Die grammatische Art der Verbindung zweier Redebeiträge.
    • Ellipse und bei Modaladverbien zur Kennzeichnung der Einschätzung stelle Gräßel einen unterschiedliche Gebrauch durch Frauen und Männer fest.
    • Sie konnte die These der Gesprächsarbeit der Frauen unterstützen.
  66. Ellipse
    • Im ersten Redebeitrag wird etwas genannt, was im darauf folgenden Redebeitrag nicht noch einmal genannt, sondern erspart wird
    • Beispiel: Elliptischer Anschluss
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  67. Modaladverbien zur Kennzeichnung der Einschätzung
    • Wörter :,, selbstverständlich“, ,,ja“ und ,,nein“
    • ,,ja“ oder ,,nein“ wurden hier nicht als redebeitragseinleitende Partikeln interpretiert, sondern wurden wegen ihrer Kommunikativen Funktion der Zustimmung zu dem vorgestellten Kohäsionselement gezählt.
  68. Minimalbestätigung
    • ,,mhm, hm“, ,,genau“, ,,richtig“, ,,ja“
    • Werden simultan eingeworfen nicht am Ende
    • Aktive Zuhörerschaft und Interesse (support work)
    • Vor allem äußern Frauen Minimalbestätigungen, um ihre (männlichen) Gesprächspartner zu unterstützen.
    • Schmidt(1988): Frauen besser hören
    • Gräßel(1991):statushohe Personen bekamen häufiger Minimalbestätigungen als statusniedrige.
    • Maltz/Borker(1982): unterschiedliche Funktionen: ,,mhm“-Ich höre zu, mach weiter(Frauen) VS Ich bin einverstanden
  69. Fragen
    • Fishman(1978,1984): Frauen stellen generell mehr Fragen jeglicher Art als Männer.
    • Fishman(1984): interpretiert die Fragen nicht als die unsichere und zögerte Persönlichkeit von Frauen, sondern als Versuche, eine Voraussetzung für Konversation zu schaffen, denn Fragen sind interaktiv stärkere Formen als Aussagen.
    • Unterschiedliche Intentionen: Fragenstellen zur Themeneinführung / Unschärfemarkierungen:, ,irgendwie“,,,oder so“, ,,finde ich“, ,,weißt du?“ / Rückversicherungsfragen: Fragenstellen zur Themenbestimmung
  70. Geschlechtstypische Gesprächsstile in öffentlicher Kommunikationssituation
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  71. Geschlechtstypische Gesprächsstile im universitären Rahmen
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  72. Direktheitsstufen bei Direktiva
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  73. Gestalten von Beziehungen der Nähe
    • Beim Reden über persönliche Probleme antworten Frauen eher, wie sie eine ähnliche Situation erlebt haben -> Dient dem Aufbau von Nähe und hat eine therapeutische Funktion
    • Männer geben eher konkrete Ratschläge
  74. Humor
    • Frauen & Männer finden es beide lustiger, wenn Witze auf die Kosten von Frauen gehen, als auf Männer
    • Humor hat eher eine hierarchische Dimension
    • Den Humor auf Kosten anderer assoziieren wir mit sozialer Überlegenheit, den auf eigene Kosten mit Unterlegenheit
  75. Lachen
    • Einige empirische Interaktionsstudien zeigen, dass Frauen in ganz unterschiedlichen Situationen mehr lachen als Männer
    • Frauen lachen signifikant häufiger als Männer
    • Männer lachen „initiativ“, Frauen mehr „reaktiv“
    • Männer bleiben in Fernsehgesprächen „cooler“, erzählen lustige Geschichten „ohne eigenes Lachen“, sie äußern „mehr scherzhafte Einwürfe“
    • Frauen dagegen unterstützen männliche Wortbeiträge eher durch begleitendes Lachen
  76. Soziales Lachen
    • Initiales Lachen: im Kontext von Problemdarstellungen zeigt dies, dass die Erzählerin gewillt ist, die Probleme leicht zu nehmen
    • Sprecher Lachen viel öfter als Hörer
  77. Onlineaktivitäten
    • am häufigsten genutzte Kommunikationsformen sind E-Mail und WhatsApp (bei Männern und Frauen)
    • Höherer Prozentsatz der Männer bei folgenden Tätigkeiten:
    • ➢  Artikel und Berichte im Internet lesen
    • ➢  Nutzen von aktuellen Nachrichten
    • ➢  Teilnahme an Onlinespielen
    • ➢  Nutzung von Audiodaten
    • Männer sind deutlich aktiver im Netz → verbringen mit nahezu allen Tätigkeiten mehr Zeit im Netz als Frauen
    • In Relation zu der gesamten täglichen Nutzungszeit verbringen Frauen mit 39 % mehr Zeit mit der Kommunikation im Internet als Männer mit 30 %
    • Schnitzer (2012)/ Boneva et al. (2003): Frauen versenden mehr private Emails zur Kontaktpflege auf Distanz→Frauen benutzen Internet häufiger zur Kommunikation
    • Die Nutzung zur Kontaktpflege von in der Nahe lebenden Menschen war bei den Geschlechtern gleich und diente vor allem der Organisation gemeinsamer Aktivitäten
    • Ziegler et al. (2013): Kommentaren auf Online-Nachrichtenseiten belegen eine stärkere Nutzung von Männern
  78. Einflussfaktor Alter (internetnutzung)
    • Die meiste Zeit (98 Minuten täglich) verbringen die jüngeren Menschen zwischen 14 und 29 Jahren mit internetbasierter Kommunikation
    • Kommunikation im Netz: Mädchen widmen ungefähr die Hälfte der Nutzungszeit der Kommunikation, die Jungen dagegen nur ein Drittel
    • Informationssuche: Jungen 26 %; Mädchen 16 %
    • Online-Spiele: noch größerer Unterschied als bei Gesamtbevölkerung→27 % der Jungen, aber nur 10 % der Mädchen
    • Der Bildungsgrad hat bei allen Nutzungsmöglichkeiten kaum Einfluss
  79. Allgemeine Merkmale der Online- Kommunikation
    • Schriftbasiert
    • → In getippten Gesprächen tragen zum Teil andere sprachliche Phänomene zur Stilbildung bei als in der Face-to-Face-Kommunikation
    • →Unterbrechungen sind nicht möglich, visuelle und auditive Informationen sind nicht verfügbar -> Para- und nonverbale Informationen wie Mimik oder Lautstärke können nur indirekt realisiert werden
    • Konzeptionelle Mündlichkeit
    • hohen Geschwindigkeit, da quasi-synchron
  80. Merkmale konzeptioneller Mündlichkeit
    • 1. Geringer Planungsgrad und Abweichungen von der schriftsprachlichen Norm
    • 2. Dialogizität und elliptische Konstruktionen
    • 3. Para- und nonverbale Ausdrucksmittel: Emoticons, Iterationen
    • 4. Morphophonemische Abweichungen: Elisionen, Enklisen
    • 5. Normabweichungen in der Syntax
    • 6. Weniger elaborierte Syntax: Vorkommen bestimmter Syntaxphänomene der gesprochenen
    • 7. Elemente aus Nichtstandardvarietäten: Dialekte, Umgangs- und Jugendsprache
  81. Aussagen zu einem geschlechtspräferentiellen Sprachgebrauch (Digitales Kommunikationsverhalten)
    • Verstoß gegen orthografische Regeln: Bei Dittmann Frauen häufiger als bei Männern, Bei Bühler: Großschreibung von Nomen und Satzanfängen bei 48 % der weiblichen und rund 40 % der männlichen Nutzer beachtet, Interpunktion bei 18,7 % der Männer und 26% der Frauen normkonform
    • Para- und Non-verbale Ausdrücke, wie Iterationen von Graphemen und Satzzeichen: Bei Dittmann mehr Frauen als Männer, Bei Bühler ebenfalls: sowohl mehr Aneinanderreihungen von Buchstaben (16 % vs. 11 %) als auch von Satzzeichen ein (55 % vs. 43 %) bei Frauen. Zudem verwenden sie deutlich öfter sog. Verbstammformen wie *grins* oder *überleg*; bei Schnitzer ebenfalls: bei weiblichen Nutzern 48 % und bei Männlichen Nutzern 32 %
    • morphophonemische Abweichungen: Bei Dittmann mehr Frauen als Männer; wortfinale Tilgungen: bei Frauen 45 % , Männer 26 % (Schnitzer)
    • Elliptische Konstruktionen: Bei Dittmann häufiger bei Männern
    • Dialektismen: Bei Dittmann häufiger bei Männern; Auch bei Bühler: Dialektismen und umgangssprachliche Lexik wie rüber und kriegen häufiger von männlichen Nutzern eingesetzt -> 30 % vs. 3 %. (zu beachten: Unterschiede in erster Linie im Schüler VZ; auch morphophonemische Abweichungen wie das häufig auftretende „ne“ werden in Studie zu den umgangssprachlichen Lexemen gezählt)
    • Emoticons: Geschlechtseffekt beim Gebrauch der klassischen Emoticons wird in der aktuellen Forschung als wichtigstes Merkmal eines genderisierten Stils diskutiert!
    • Bei Bühler Eindeutige Effekte zur Verwendung der Emoticons: 71 % der weiblichen und 51 % der männlichen Nutzer;
    • Bei Schnitzer: in Facebook-Nachrichten (45 % der Frauen vs. 28 % der Männer) und in der SMS-Kommunikation (32 % der Frauen vs. 25 % der Männer), unabhängig vom Bildungsniveau und Alter
    • →Tschernig / von Hertzberg (2016): Vermutung, dass „die weiblichen Nutzer der älteren Generation die meistverwendende Gruppe von Bildzeichen sein [musste]“→Allerdings setzen sie hauptsachlich Piktogramme ohne Gesichter ein, die Lebensmittel oder Tiere darstellen, und weniger die klassischen Emoticons in Form von Gesichtern
  82. Vertiefung: Sprachstile
    • Weiblicher Stil der Face-to Face –Kommunikation (nach Herring 1994): kooperativ, indirekte, nach Harmonie strebende und personenorientierte Sprechweise → Verwendung von Fragepartikeln, Höflichkeitsformeln, Unschärfemarkierungen
    • Online- Kommunikation:
    • → Emoticons, um Emotionen auszudrücken und um eine Aussage abzuschwächen oder zu relativieren
    • Hier: Ausdruck überschwänglicher Freude durch die Verwendung von Emoticons und Iterationen, Emotionalisierung des Geschriebenen
    • zahlreiche Emojis von Gegenständen (Kuchenstücke, Herzen, usw.)
    • männlicher Gesprächsstil in Face-to-Face Kommunikation: kompetitiv, dominanzorientiert stärkere Selbstbezogenheit, mehr Sach- und Statusorientierung, häufigere Benutzung von Tabuwörtern, höhere Konfrontationsbereitschaft

    • In Online- Kommunikation:
    • →Emoticons, um einen Witz oder eine unernste Modalität zu kennzeichnen
    • →sexuelle Anspielungen und Tabuwörter -> Beide Erscheinungsformen nicht in den Frauengruppen
    • →kurze und knappe Formulierungen der Beitrage
    • → elliptisch starke Verkürzungen
    • → Bei Absage keine abschwächenden oder wertenden Partikel und auch keine Emoticons
    • Die männlichen User verwenden eher einen unpersönlichen, emotionslosen Sprachstil (Assertive Language)
    • Frauen hauptsächlich einen emotionalen, auf Zustimmung und Verständnis der KommunikationspartnerInnen ausgerichteten Stil (Affiliative Language).
    • Allerdings ist der Geschlechtseffekt beim Gebrauch der Assertive Language nicht so stark wie bei der Verwendung der Affiliative Language: Die Frauen nutzen durchaus häufig die sachliche, ‚härtere‘ Sprache.
  83. Anpassung des Sprachstils
    • ebenso Dialoge, in denen Männer Emoticons auch zum Ausdruck von Emotionen einsetzen
    • Zweiergespräch zwischen einer Frau und einem Mann: → Er vier Emoticons
    • →Sie einen Emoticon
    • Schlussfolgerung: Kommunizieren Frauen und Männer miteinander, scheinen sie Emoticons anders zu verwenden als in gleichgeschlechtlichen Gruppen
    • in den Gruppen mit überwiegendem Frauenanteil werden Smileys vor allem eingesetzt, um Solidarität auszudrucken, bei überwiegendem Männeranteil Ausdruck von Sarkasmus und Humor
    • In den gemischtgeschlechtlichen Gruppen verändern allerdings sowohl die Frauen als auch die Männer ihre Verwendung von Emoticons und passen sich einander an, d. h. sie zeigen keinen genderstereotypen Gebrauch.
  84. Indexing Gender
    • Theorie, dass in kommunikativen Handlungen durch stilistische Verfahren auf Gender verwiesen wird und es durch sie indiziert wird
    • → Konstruktion der Kategorie Geschlecht, Alter und Zugehörigkeit im Netz
    • Beispiel: Merkmale des geschlechtstypischen weiblichen Stils: Iterationen von Buchstaben (jaa, soo, aah), durch Tastenkombination erzeugte Smileys, umgangssprachliche Lexeme (echt, geil), Kosenamen (Schatz, Suse), morphophonemische Abweichungen (wortfinale Tilgungen in freu, seh, schmink), Dialogizitat betonende elliptische Satzkonstruktionen, insbesondere die mit Interjektionen beginnenden Satzeinheiten (Oh jaa und du mir erst, aah der bus spricht mit mir), orthografischen Normabweichungen
    • →Betonung eines stark emotional geprägten nähesprachlichen Stils, kaum konkrete inhaltliche Aussagen, sondern Aneinanderreihungen von phrasenhaften Freundschafts- und Liebesbekundungen (u. a. ich bin so froh dich zu haben).
    • →Konstruktion „mädchenhafter Niedlichkeit“ (Voigt 2014, 333) und Inszenierung der sozialen Identität eines Schulmädchens mit bester Freundin
  85. Selfies
    • Die Identitätskonstruktion wird durch Selfies verstärkt
    • Frauen sind aktiver bei der Selfie-Nutzung als Männer → Gestaltung ihrer Online- Auftritte und der Kommunikation, zur Definition als Teil einer sozialen Gruppe
    • Wie präsentieren sich Frauen und Männer auf den Bildern?
    • präferierte Orientierung der Selbstpräsentation an das männliche Stereotyp Körperstärke und das weibliche Stereotyp Verführung
    • Frauen präsentieren sich eher in liegender oder sitzender Position als Männer, sie drucken in ihrem Gesicht eher Emotionen aus und präsentieren ihren Körper
    • Vergleich mit der Verbreitung von Genderstereotypen in der Anzeigenwerbung in Printmedien → Genderstereotype sind in Selfies stärker vertreten als in der Werbung
    • Auf Facebook: Männer betonen berufliche Position (Präsentation mit formaler Kleidung oder beim Umgang mit berufsbezogenen Objekten), zeigen sich als Abenteurer, fotografieren sich bei Outdoor-Unternehmungen. Frauen dagegen stellen ihre familiären Bindungen stärker in den Vordergrund und präsentieren sich zum Beispiel mit ihrem Kind, sie zeigen häufiger Emotionen, indem sie lächelnd und mit Augenkontakt zum Bildbetrachter posieren (Tifferet / Vilnai- Yavetz , 2014)
    • Tinder (Sedgewick et al., 2016): überwiegend vertikale Kameraausrichtung, aber signifikante Ergebnisse bei Ausrichtung nach unten bzw. nach oben - Frauen von oben aufgenommen (Ausrichtung der Kamera nach unten) - Männer von unten (Ausrichtung der Kamera nach oben)
    • →  Interpretation als Orientierung an genderstereotype Attraktivitätsvorstellungen
    • →  Die Positionen lassen sich auch im Sinne von Dominanz und Unterordnung deuten
    • Sexting
  86. Online-Dating
    • Bewusste Identitätskonstruktion, da Animation der Wunschpartner / die Wunschpartnerin zur Kontaktaufnahme -> Konstruktion von (Gender)Identitäten, die vom Blickwinkel des Anderen ausgehen
    • → Bei der heterosexuellen Partnersuche: männlicher Nutzer wird Charaktereigenschaften aufführen, die seines Erachtens auf Frauen anziehend wirken, wie beispielsweise eine gute berufliche Position oder Verlässlichkeit. Ein weiblicher Nutzer wird Eigenschaften wie attraktiv oder warmherzig eintragen
    • → starke Orientierung an Genderstereotypen
    • Studie von Hoffarth (2009): Untersuchung der Sprachverwendung von Schwulen und Lesben auf Online- Dating-Portalen -> Orientierung an heteronormativen Geschlechtsmarkierungen
  87. Genderswapping
    • keine Angabe zum Geschlecht in anonymisierten Kommunikationsräumen, wie Chats, Newsgroups und Spielerforen- > fehlen der sog. Verortungsmerkmale, anhand derer sich die InteraktionspartnerInnen einschätzen können
    • Kommunikation mit Pseudonymen → oft mehr oder weniger eindeutige virtuelle Geschlechtsidentität: „milli 15“ und „Peacock“, oder neutral „radio“
    • Durch Verwendung des Pseudonyms des jeweils anderen Geschlechts, sog. virtuelles crossdressing oder genderswapping
    • unklare Geschlechtsdarstellung wird auch im virtuellen Raum nicht akzeptiert
    • Facebook seit 2014: Geschlechtervielfalt
    • In Spielerforen ist ein Loslösen aus den binaren Geschlechtserwartungen möglich
  88. Theory of homophily
    • „Gleich und gleich gesellt sich gern.“
    • gender-Verteilung: 63 % der gegenseitigen @-Adressierungen sind same-gender.
    • „The more gendered an author ́s language, the more gendered the social network.“
    • Keine reinen ♂- oder ♀-Cluster
    • → Sprache der Männer in Clustern mit hohem Frauenanteil (und umgekehrt)?
  89. Theory of homophily
    • „Ambiguity in the use of linguistic resources is not statistical noise, but rather the signature of individuals
    • who have adopted stances and personae at odds with mainstream gender norms.“
    • Anpassung der eigenen Sprache an die der Gesprächspartner
    • „multiple gendered styles, stances, and personae“
  90. Clustering
    • „Setting gender aside, we use clustering to identify groups of authors
    • who use similar sets of words.“
    • Gruppierung nach Wortgebrauch ohne Berücksichtigung von gender
    • Zuordnung der Autoren zu 1 von 20 Clustern
    • Dennoch Zusammenhang mit gender?
    • → „gender skew“ des persönlichen Netzwerks
  91. Abweichung von bisherigen Daten (onlinekommunikation)
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Yuu
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350786
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