Frühkindliches Schielsyndrom #

  1. Nenne die Risikofaktoren für FKSS.
    • • positive Familienanamnese, genet. Disposition, z.B. sensorische Defekte
    • • Frühgeburt/ geringes Geburtsgewicht
    • • perinatale Störungen z.B. O2 Mangel
    • • geringer APGAR- Index (Atmung, Puls, Grundtonus, Aussehen, Reflexe)
    • • Hirnschäden z.B. durch Noxen in der Schwangerschaft
    • • Down-Syndrom
  2. Nennen sie die Symptome des FKSS nach Lang. #
    • • großer konvergenter Schielwinkel mit bevorzugter Fixation in Adduktion
    • • Nystagmus latens - persistierende Asymmetrie der Folgebewegungen/OKN; Auffälligkeiten in der Verarbeitung bewegter Reize
    • • dVD
    • • Excyclo des geführten Auges -> Cyclo + dVD = diss. Schielkomplex
    • • Schiefhaltung des Kopfes
    • • Alphabetsymptome: Fehler im Innervationsmuster schräger AM
    • -> weitere Symptome nach de Decker:
    • • Kopftremor
    • • Co- Kontraktion der Musculi mediali
    • • minderwertige Sehschärfe
    • • minimale cerebrale Dysfunktion
    • -> sensorische Symptome
    • • Fusionsstörung
    • • Anomale Korrespondenz mit Suppression
    • • Amblyopie mit zentraler oder exzentrischer Fixation
  3. Erläutere crossed Fixation.
    • crossed Fixation: bei ausgeprägten Innervationsverhältnissen- Abduktion wird gemieden, aber es besteht keine Abduktionseinschränkung; dadurch meist alternierendes Schielen und KZH
    • • ab dem 10. LM lässt die Überinnervation der Mediali gewöhnlich nach
    • • am Ende des 1. LJ entwickelt sich oft eine einseitige Führung, dann Amblyopiegefahr
    • • selten wird die gekreuzte Fixation nicht aufgegeben, dann entsteht ein Strab. fixus
    • • die bevorzugte Fixation in Adduktion wird nicht selten bis ins Erwachsenenalter nachgewiesen (da in Adduktion der NL am ruhigsten ist)
  4. Definiere den Nystagmus latens. #
    • liegt vor, wenn die Augen bei Fixation des rechten Auges nach rechts und bei Fixation des linken Auges nach links rucken

    • der NL ist ein Rucknystagmus, entwickelt sich in den ersten 3 LM, besteht aus einer langsamen tonischen Phase und einer schnellen Refixationsphase = Schlagrichtung wird jeweils nach der schnellen Phase beschrieben
  5. Beschreibe sie das klinische Erscheinungsbild es NL. #
    • • schnelle Phase in Richtung Abduktion, langsame Phase in Richtung Adduktion
    • • bei Rechtsfixation: Rechtsruck, bei Linksfixation: Linksruck
    • • Amplitude und Frequenz nehmen in Richtung Abduktion zu, Richtung Adduktion ab
    • binokular meist beruhigt/blockiert und manifestiert sich monokular auf dem fixierenden Auge
    • • bei einigen Patienten manifestiert sich der Nystagmus auch binokular, z.B. bei Suppressionsverstärkung eines Auges (Visusprüfung) und schlägt in Richtung des fixierenden Auges = manifester NL
    • assoziierter Nystagmus -> R/L gleiche Richtung, Amplitude und Frequenz
    • • tlw. größere Amplituden bei Fixation mit dem geführten, evtl. amblyopen Auge
    • KZH, um jeweils in Adduktion zu fixieren, oder nur mit dem Führungsauge in Adduktion
    • • diskrete Formen des NL sind nur am Fundus zu sehen
  6. Warum ist der NL ein wichtiger Beweis für eine frühkindliche Störung des Binokularsehens? #
    • • die Ausprägung des NL spielt eine wichtige Rolle bei der Therapie
    • - wenn z.B. nur in starker Adduktion foveolare Fixation erreicht wird, besteht Amblyopiegefahr (möglichst einige Tage Okkludieren, nicht stundenweise)
    • - tlw. wird hier schon vor dem Vorschulalter eine AM-OP gemacht, wenn eine Okklusionstherapie nicht möglich ist, weil das amblyope Auge durch den NL die Fixation nicht aufnehmen kann
    • • -> Diagnosefindung: der NL ist ein wichtiges Symptom einer früh aufgetretenen funktionellen Einäugigkeit von Geburt an
    • • die Feststellung eines NL ist von entscheidender prognostischer Bedeutung:
    • - bei frühem Schielbeginn bzw. früher Störung wird ein normales Binokularsehen meist nicht mehr erreicht
  7. Wofür dient der OKN? Definiere. #
    Der OKN dient der Stabilisierung des retinalen Bildes bei bewegten Objekten um Schwindel zu vermeiden.
  8. Beschreiben sie wie es zum optokinetischen Nystagmus kommt. Was passiert wenn wir mit der Bahn fahren und Objekten folgen? #
    • • ein Objekt wird von nasal nach temporal und/oder umgekehrt geführt
    • • eine Folgebewegung wird ausgelöst (Fovea fixiert)
    • • irgendwann kann das Objekt nicht mehr sicher foveolar fixiert werden 
    • • es kommt zu einer retinalen Bildverschiebung
    • • die retinale Bildverschiebung reizt das optokinetische System
    • • der Versuch die Fovea auf das nächste Objekt einzustellen führt zu einer ruckartigen Bewegung
    • • es entsteht ein Rucknystagmus: der OKN
    • • bei zu schneller Objektbewegung zerfällt der OKN

    • - Objektbewegung nach rechts = Linksrucknystagmus
    • - Objektbewegung nach links = Rechtsrucknystagmus
  9. Erklären sie die physiol. Entwicklung des OKN.
    (zeitl. Entwicklung nach der Geburt) #
    • • nach der Geburt: 
    • - das sensomotorische System zur Steuerung des OKN ist noch nicht ausgereift
    • - es besteht die ersten 3 LM eine physiolog. Asymmetrie, d.h. die Reizung von Objekten, die sich von temporal nach nasal bewegen, ist wirksamer als umgekehrt
    • - mit Entwicklung des Binokularsehens entwickelt sich eine symmetrische Auslösbarkeit des OKN (nach neueren Studien kann eine Asymmetrie bis zum 10. LM bestehen)
  10. Wie kann man zwischen dem physiologischen OKN und dem bei FKSS differenzieren? #
    • OKN monokular prüfen: bei der binokularen Prüfung wird auf der einen Seite immer der subcortikale Weg genutzt und es ist keine Asymmetrie auslösbar
  11. Beschreibe den OKN bei normalem Binokularsehen. #
    • • in den großen Ganglienzellen der NH beginnt die für das Sehen von Bewegungen zuständige magnozelluläre Bahn
    • • Infos werden zum CGL und weiter in die primäre Sehrinde geschickt
    • • im Hirnstamm befinden sich 2 Kerne:
    • NOT (Nukleus des opt. Traktes)
    • DTN (dorsaler terminaler Nukleus des akzessorischen optischen Traktes)
    • • diese Strukturen liegen im Mittelhirn lateral der Vierhügeln und nahe der CGL
    • • der rechte NOT-DTN ist für rechtsgerichtete und der linke für linksgerichtete Bewegungen zuständig
    • • Weisungen erhalten die beiden NOT-DTN über 2 Wege:
    • - subkortikal aus der Sehbahn hinter dem Chiasma opticum zum gegenseitigen NOT-DTN (bei nach nasal gerichteten Reizen)
    • - kortikal aus der Hirnrinde bei nach temporal gerichteten Reizen zum gleichseitigen NOT-DTN

    • Beispiel LA: Reizmuster von temporal nach nasal reizt nasale NHS- Reiz gelangt über die Sehbahn gekreuzt zur rechten Hirnrinde-> der gegenseitige NOT-DTN bekommt sowohl über den subkortikalen, als auch über den kortikalen Weg die Bewegungsinformation (durch vorhandene Binokularzellen der Hirnrinde) 
    • - der rechte NOT-DTN bekommt Impulse für rechtsgerichtete Bewegungen
    • - Reizmuster von nasal nach temporal reizt temporale NHS- Reiz gelangt über die Sehbahn ungekreuzt zur linken Hirnrinde- der ipsilaterale, linke NOT-DTN bekommt nur über den kortikalen Weg Informationen (wenn Binokularneurone vorhanden sind)-> es werden linksgerichtete Bewegungen ausgelöst
  12. Beschreibe den OKN bei FKSS. #
    • • Reizmuster von temporal nach nasal lösen einen normalen OKN aus, da der rechte NOT-DTN für nach rechtsgerichtete Bewegungen hier seinen Impuls über den subkortikalen Weg bekommt
    • • bei nasotemporalem Reizmuster kann sich die Übertragung durch Monokularzellen der Hirnrinde im Säuglingsalter nicht ausbilden und das linke NOT-DTN kann keine Impulse empfangen
    • -> Pat. mit einem frükindl. Schielen zeigen eine Asymmetrie des OKN
    • - bei Reizung von temporal nach nasal ist der OKN besser auslösbar, als bei Reizen von nasal nach temporal
    • -> diese Richtung ist tlw. gar nicht auslösbar
  13. Beschreiben sie das typische Erscheinungsbild der dVD. #
    • • beim Abdecken eines Auges kommt es zum Höherstand dieses Auges, meist ohne Diplopie
    • • tlw. auch periodisch spontan ohne Dissoziation bei:
    • - nachlassender Konzentration, Müdigkeit, starker Beanspruchung des FA durch erhöhte Aufmerksamkeit (bin. Visusprüfung), spontane Suppression eines Auges, emotionale Erregung
    • Manifestation meist zwischen 2. und 4. LJ, eher bds., jedoch nicht immer symmetrisch (bei Amblyopie häufig asymmetrisch)
    • • Abweichung unabhängig von der BRT, tlw. im Abblick etwas größer
    • • die Manifestation ist häufig mit einer Excyclotropie verbunden, die etwas später einsetzt als die Aufwärtsbewegung (der Untersucher beobachtet als eine Einwärtsrollung des jeweils die fixationsaufnehmenden Auges = Raddrehphänomen)
    • • nach der Freigabe sieht man eine langsame, schwimmende Abwärtsbewegung des Auges
    • selten findet man eine schwere Form der dVD, hier fühlen sich die Patienten durch die kosmetische Komponente stark gestört
  14. Geben sie die Ursache der dVD in eigenen Worten wieder. #
    • • eine zentral innervatorische Fehlinnervation führt zu einer patholog. Heberinnervation, es ist keine motorische Störung
    • • ausgelöst durch Lichtentzug bei Abdecken eines Auges -> Lichtrückenreflex
    • • hängt also von der retinalen Leuchtdichte ab (zum Nachweis Graufiltertest nach Bielschowsky)
  15. Erklären sie zum Nachweis der dVD den Fixationswechseltest anhand von einem Beispiel. #
    • • Durchführung am Synoptophor, aber auch im freien Raum mit Prismen möglich, dabei wird sowohl die Verdunklung als auch die Fixation zum jeweils anderen Auge gewechselt unter Ausgleich des Schielwinkels
    • • d.h. im Synoptometer wird der gemessene Schielwinkel z.B. vor dem RA beibehalten und dann die Fixation gewechselt
    • • bei einer dVD würde nun das LA nach oben abweichen
    • • liegt keine dVD vor, bleibt der Schielwinkel gleich
  16. Erklären sie zum Nachweis der dVD die Verdunklungsprobe anhand von einem Beispiel. #
    • Zur OP-Indikation ist es wichtig den diss. Anteil zu differenzieren.
    • 1. Verdunklungsprobe nach Bielschowsky
    • • Winkelmessung bei einer Fixation mit APCT
    • • Patient fixiert mit dem RA das Fixierlicht, das LA wird abgedeckt und seitlich beobachtet (bei dVD weicht es darunter nach oben ab)
    • • vor das FA wird ein Grau oder DRGlas gehalten
    • • der Untersucher beobachtet wieder das Auge unter dem Cover: nach Hering‘schem Gesetz kommt es zu einer Abnahme des Höherstandes (Senkerinnervation, da das FA unter DRG sonst auch nach oben abweichen müsste)
    • • unter vorgehaltenem Rotglas wird der Winkel bei Fixation des Auges mit Rotglas ausgemessen (Prisma vor das gecoverte Auge)
    • • Vergleich der Messung mit und ohne DRG:
    • - VD mit und ohne Rotglas gleich= rein motorische Störung
    • - VD mit Rotglas nicht messbar, aber ohne Rotglas vorhanden= rein dissoziierte Störung
    • - VD ohne Rotglas > mit Rotglas= Differenz entspricht dem dissoziierten Anteil
  17. Was sind die Therapiemöglichkeiten der dVD und begründen Sie diese.
    • • bei asymmetrischer Ausprägung: Versuch das Führungsverhalten bewusst zu machen durch Vernebelung (z.B. durch ÜK eines Auges), bei dessen Fixation die dVD weniger auffällig ist
    • AM-OP:
    • - rect.sup. Faden- OP (techn. schwierig, da der Faden unter den obl. sup. gelagert werden muss- auch in Kombi mit Obliquusstörungen - gut aufklären, dass es ein Versuch ist und der Erfolg nicht voraussagbar ist
    • - oder obl. inf. anteriore Transposition (cave bei erhöhter Gefahr der Vernarbungen)
  18. IErläutern Sie die konservativen Therapiemöglichkeiten beim FKSS. #
    • Skia in Cyclo und BVO
    • Kontrollen bei Babys alle 6-12 Wochen, hauptsächl. zur Führungsbeurteilung
    • • ggf. Okklusionstherapie, bei ggf. einseitiger Führung
    • • vor Beginn der Therapie Aufklärung der Eltern bzgl. der weiteren Vorgehensweise
  19. Welche Argumente sprechen für eine Früh-OP? #
    • • in Europa gilt Früh 6.- 24. LM, in Asien noch früher: um den 6. LM
    • • Früh-OP:
    • • extreme KZH bei NL (evtl. fov. Fix. in max. Adduktion nicht mgl., evtl. Amblyopie/Brillentherapie nicht mgl., HWS)
    • • bei Cerebralparese/Mehrfachbehinderung Verbesserung der motorischen Entwicklung
    • • wenn verlässlich anamnestisch II-Stand beschrieben ist frühe Korrektur in einen Mikrowinkel, frgl. BES erreichbar
    • • laut Studie auch Verbesserung der Eltern- Kind- Beziehung, ansonsten soziale Akzeptanz unter Kindern erst ab 6. LJ relevant
    • • laut Studie auch geringeres psychisches Trauma
  20. Welche Argumente sprechen für eine Spät-OP? #
    • • Spät ist 3.-6. LJ
    • • kleine Kinder sind schlechter untersuchbar
    • • Motilität ist erst im Vorschulalter genauer beurteilbar, deshalb auch evtl. Vertikalabweichungen in der OP berücksichtbar
    • • dVD, Surso/Deorso entwickeln tlw. erst im Vorschulalter; deshalb Wahrscheinlichkeit einer 2. OP bei Früh-OP größer
    • • Amblyopiegefahr geringer, da p.o. Untersuchbarkeit und Beurteilung des Führungsverhaltens besser
  21. Wann sind die Vorraussetzungen für eine AM-OP gegeben? Welche Gründe gibt es? #
    • Brille wird regelmäßig getragen, sonst p.o. Rezidivgefahr
    • • bds. ca. seitengleicher Visus, keine Amblyopie, wenn p.o. noch intensive Amblyopietherapie, könnte sich Okklusion schlecht auf die Stellung auswirken (FA ist p.o. für die Eltern nicht mehr sichtbar)
    • • Vorschulalter-> bessere Mitarbeit, genauere Ergebnisse
    • • gute Koop der Eltern zur Nachsorge und Kontrolluntersuchungen
    • • je nach Bedürfnissen der Eltern und Mitarbeit des Kindes kann dann eine OP früher oder später stattfinden
  22. Nennen sie die möglichen Operationsindikationen. #
    • • kombinierte Konvergenz-OP, d.h. Medialis Rücklagerung (Schwächung), Lateralis Faltung/Resektion (Stärkung)
    • Medialis Faden OP/ bds. Medialis Rück nur ggf. bei N > F
    • • Vertikaler Winkel: je nach A/V- Symptomatik
  23. Erläutern Sie die möglichen Differentialdiagnosen des FKSS. #
    • Abduzensparese (monok. Führungsbewegungen in Abduktion über Puppenkophph., Spiegel, unter Okklusion; Inkomitanz? ggf. neurolog. Abklärung)
    • Retraktionssyndrom (Lidspaltendiagnostik)
    • sekundäre Esotropie (Fundus, VAA)
    • rein akkommodative Esotropie (Skia, VK, dann sollte II-Stand bestehen)
    • Normosens./im Alter sens. Formbarkeit (auszuschließen bei Erstvorstellung von älteren Kindern; OKN, NL)
  24. Wie ist Prognose postoperativ bzgl. Stellung, Binokularsehen und Visus? #
    • BES: eher ungünstig bei fehlenden Binokularneuronen, bestenfalls subnormales BES
    • • wahrscheinlicher ist anomales BES z.B. Bagolini positiv mit EB
    • • häufig nach OP auch Suppression
    • • oft verbesserte Feinmotorik, sowie sichereres Treppensteigen
    • • oft verbesserte periphere/ dynamische Stereopsis nach OP
    • • nach Studien wurden p.o. bei hochgr. Amblyopien funktionelle Besserungen nachgewiesen
    • Visus: eher günstig, wegen opt. auffälligem Schielen, daher frühzeitiger AA-Besuch mit regelmäßigen Kontrollen und ggf. Amblyopieprophylaxe
    • • bei crossed Fixation Amblyopierisiko gering
    • Stellung: p.o. eher Mikrowinkel bis 7*, tlw. sind auch Winkel bis 10* unauffällig
    • • im Idealfall sogar Mikrostrab. mit BES auf HAK
    • • tlw. mehrere OP‘s nötig zur Erreichung dieses Ziels
Author
sandrum87
ID
343031
Card Set
Frühkindliches Schielsyndrom #
Description
FKSS
Updated